Für immer verstummt

Esther Bejaranos Tod macht mich noch immer traurig. Ein paar Tage nach ihrem Tod versuche ich passende Worte zu finden, für einen ganz besonderen Menschen. 

Aus Palästina zurück widmete sie sich dem Kampf gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Sie machte es zu ihrer Lebensaufgabe oder wie sie es nannte, es war ihre Rache, nun ist sie im Alter von 96 Jahren verstorben. 

Sie ging an Schulen, Kulturstätten usw. um den Menschen zu erzählen, wie das damals in Auschwitz war, dem Konzentrationslager, welches sie überlebt hat. 

Auch für sie war es bis zum Schluss ein Wunder, wie sie überleben konnte.  Klar, weil sie im Orchester spielte, allerdings spielte sie Akkordeon im Orchester, dabei konnte sie gar kein Akkordeon spielen. Sie konnte wohl Klavier spielen, aber Akkordeon? Nein, sie hoffte, dass es gut ging, und das ging es. 

Eine unheimlich starke Frau ist von uns gegangen. Das Orchester spielte für die Neuankömmlinge in Auschwitz. Sie spielten schöne Musik, Esther Bejarano meinte, dass die Menschen, die ankamen, meinten, es werde besser. Da, wo da wo Musik zum Empfang gespielt wird, da kann es gar nicht so schrecklich sein. Und genau das war der Plan der Nazis. 

Aber nicht nur, dass sie wusste, das sie Menschen mit ihrer Musik Hoffnung geschenkt hat, die dann bitterlich enttäuscht wurde, nein, als sie aus Palästina zurückkam, ging sie zu den Menschen hin und erzählte, was ihr passiert ist und kämpfte gegen Antisemitismus. Kraft, die erst einmal aufgebracht werden muss, wenn man solches Elend und Leid durchgemacht hat. Und dann hat diese Frau die Kraft, auch noch mit Mitte 90 auf der Bühne zu sein und gemeinsam mit einer Band Musik zu machen, gegen das Vergessen. 

Ich bin unheimlich stolz darauf, dass ich mit dieser unglaublich tollen und starken Frau ein persönliches Gespräch nach einer Veranstaltung haben durfte. Wir unterhielten uns, ich erzählte ihr von meiner Erinnerungsarbeit, darüber war sie sehr glücklich und dankbar und auch mir sagte sie in diesem persönlichen Gespräch „ihr jungen Menschen seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.“ Wichtige Worte, die wir uns immer wieder vor Augen führen müssen. Auch in unserem Gespräch blickte sie mit Sorge auf die Entwicklungen, die wir in Deutschland haben und forderte mich auf, weiterzumachen, bestätigte mich in meinem Handeln gegen Antisemitismus und Diskriminierung und bat mich niemals damit aufzuhören.

Für dieses Gespräch mit ihr bin ich unendlich dankbar und gleichzeitig bin ich so traurig, dass diese Person nun solche Gespräche nicht mehr führen kann. Sie wird eine Lücke hinterlassen, die von niemanden so zu schließen ist wie von ihr selbst, denn sie war Zeitzeugin, sie hat die Grauen miterlebt. Nun ist sie von uns gegangen. Wieder eine Zeitzeugin weniger. Wir müssen noch sensibler werden, wenn uns Diskriminierung, Antisemitismus etc. begegnet. Wir müssen mehr präventive Arbeit leisten, denn die Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, werden schon bald alle für immer verstummen. 

Etwas persönliches noch zum Schluss: Jedes Leben ist endlich, das weiß ich, und das hat seinen Sinn und ist gut so, bei Esther Bejarano wünschte ich mir, ihr Leben wäre unendlich gewesen. 

Bild: CC BY-SA 3.0 LU Jwh; wikimedia

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